Abseilen aus 150 Metern Höhe

Spezial-Rettungsgruppe der Berufsfeuerwehr Aachen übte im Bürgerwindpark Schleiden für den Ernstfall – ene-Geschäftsführer Markus Böhm: „Das ist eine klassische Win-Win-Situation“

Schleiden – Zwar ist noch nie einem Windservice-Techniker der ene  im Zuge von Wartungsarbeiten in einer Windenergieanlage etwas passiert, doch würde ein internistischer Notfall oder eine schwere Verletzung in 150 Metern Höhe die „normalen“ Rettungsdienste schnell an die Grenzen ihrer Fähigkeiten bringen, vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo Höhenretter Mangelware sind. Für die Eifel sind Köln, Aachen und Trier die nächsten Stationen, in denen es speziell ausgebildete Höhenrettungsgruppen gibt, die im Notfall zur Stelle sind.

So muss die knapp 25-köpfige Spezial-Rettungsgruppe (SRG) der Berufsfeuerwehr Aachen, die bereits auf ein 20-jähriges Bestehen zurückblicken kann, nicht nur in Aachen selbst ausrücken. Sie wird auch regelmäßig weit darüber hinaus bis ins benachbarte Ausland angefordert. Die SRG, die personell und materiell auf die Menschenrettung und technische Hilfeleistung aus Höhen und Tiefen spezialisiert ist, unterstellt sich bei ihren Einsätzen der jeweiligen örtlichen Einsatzleitung.

Bis zu 40 Mal im Jahr ist die Arbeit der Spezialisten gefragt. Bemerkenswerte Einsätze waren beispielsweise die Unterstützung der Kölner Einsatzkräfte bei der Personenrettung aus der Rheinseilbahn im Sommer 2017 sowie eine Personenrettung im Hambacher Forst vor wenigen Wochen.

Die ene-Unternehmensgruppe hatte schon frühzeitig der SRG Aachen angeboten, an den Anlagen des Bürgerwindparks Schleiden Übungen durchzuführen, was diese gerne annahm, da eine Höhe von 150 Metern auch für Höhenretter nichts Alltägliche ist. „Das ist eine klassische Win-Win-Situation. Die Feuerwehr kann ihre Fähigkeiten trainieren, und wir haben im Ernstfall Rettungskräfte, die sich auch in Windkraftanlagen der neueren Generation auskennen“, berichtete ene-Geschäftsführer Markus Böhm am Dienstagmorgen.

Wie problematisch der Ernstfall ansonsten sein könne, wussten einige der Höhenretter zu berichten. Denn es wäre gar nicht so einfach, das entsprechende Windrad überhaupt zu finden. Auch wenn man es von weitem schon sehen könne, so führe der Weg dorthin meist über schmale Feldwege, die man schon kennen müsse, um sie zielsicher anzusteuern. Auf Google-Maps könne man sich gerade bei neueren Anlagen nicht verlassen. In jeder Windenergieanlage hängt daher ein Alarmplan mit einer genauen Ortsbeschreibung, die im Notfall der Rettungsleitstelle mitgeteilt werden kann.

Ein Mitarbeiter des Herstellers Enercon berichtete, dass es in seinen 20 Arbeitsjahren bislang nur einen Schlaganfall eines älteren Mitarbeiters auf einer Anlage gegeben habe. Von ernsthaften Herz-Kreislauf-Problemen habe er keine Kenntnis, was sicherlich auch daran liege, dass die Monteure über eine gute Kondition verfügen müssten.

Christian Beek, der stellvertretende Leiter der SRG Aachen, teilte mit, dass man an diesem bislang heißesten Tag des Jahres eine etwas abgespeckte Rettungsübung durchführen wolle: „Wichtig ist vor allem, dass die Retter ein solches Windrad überhaupt mal kennenlernen, etwas über seine Funktion erfahren und schon mal bis oben in der Gondel gewesen sind.“ Darüber hinaus aber wollte sich die Hälfte der elfköpfigen Gruppe auch von der Gondel aus abseilen lassen. Bislang sei die höchste Höhe 100 Meter gewesen, die es bei der Rettung eines Baggerfahrers im Tagebau Hambach zu bewältigen galt.

Die hohen Temperaturen machten es den Rettern, die im Normalfall mit bis zu 30 Kilogramm Gepäck beladen sind, darüber hinaus besonders schwer, bis in die Gondel hinaufzusteigen. Während man es unten im Betonteil des Windrads noch einigermaßen aushalten konnte, stiegen die Temperaturen im oberen Teil, der aus Stahlröhren besteht, rasant wie in einer Backröhre an. Bereits um 10.30 Uhr herrschten in der Gondel 32 Grad. In den engen Rotorblättern sind im Sommer auch bis zu 50 Grad keine Seltenheit. „Dort werden wir uns heute also nicht allzu lange reinlegen“, scherzte Beek, während seine Leute im Abstand von zehn Metern den Aufstieg in Angriff nahmen. Ihre Ausrüstung brauchten sie angesichts der Wetterlage diesmal nicht selber zu schleppen. Das übernahm die Winde in der Gondel, die einen 400 Kilogramm schweren Materialsack, vornehmlich gefüllt mit Karabinerhaken aller Art, in die Höhe zog.

Als der erste Höhenretter nach geraumer Zeit, in denen die Gruppe das Innere der Gondel erforscht hatte, wohlbehalten wieder zurück auf dem Boden eingetroffen war, gab er zu, dass es ihn schon etwas Überwindung gekostet habe, sich von dort oben abzuseilen. „Der Wind schaukelt einen hin und her, und ich habe ein paar Mal mit dem Rücken Bekanntschaft mit dem Windrad gemacht, aber alles in allem war es eine tolle Erfahrung“, sagte er. Und weil es ihm offensichtlich so viel Spaß gemacht hatte, eilte der Mann sogleich zurück ins Windrad, um den schweißtreibenden Aufstieg noch einmal in Angriff zu nehmen. In der nächsten Woche will die SRG noch einmal im Bürgerwindpark Schleiden eine Übung abhalten. Und auch wenn die Windenergieanlage in dieser Zeit keinen Strom produzieren kann, so ist ene-Geschäftsführer Markus Böhm doch froh darüber, dass gemeinsam mit den Spezialisten der Feuerwehr ein Rettungseinsatz, der hoffentlich nie erforderlich sein wird, unter realen Bedingungen geübt wird.

Sicherheit wird aber auch ansonsten bei der „ene“ großgeschrieben. So wird vorab die Eignung der ene-Monteure in einer Arbeitsmedizinischen Untersuchung geprüft, besonders auch die Höhentauglichkeit. Die Mitarbeiter müssen regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse durchlaufen und ein Abseiltraining absolvieren. „Jeder Mitarbeiter hat eine persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz, die vor jedem Einsatz überprüft wird“, so Jan Vaders (verantwortlich für die Koordination /Einsatz der Service-Monteure der „ene“). Auch Lift und Leiter würden jeden Tag vor jedem Einsatz von den Mitarbeitern gecheckt. Es müssten immer zwei Rettungswege verfügbar sein, z.B. Leiter und Rettungsgerät. „Des Weiteren findet die Arbeit immer im Team statt, damit jederzeit eine Person für Notfälle vor Ort ist“, berichtete Vaders. Und schließlich seien die ene-Mitarbeiter sowohl mit Funkgeräten als auch mit Handys ausgestattet, um eine ständige Erreichbarkeit sicherzustellen.

Eifeler Presse Agentur/epa

Bild : Abseilen aus 150 Metern Höhe
Es kostete selbst die Höhenretter etwas Überwindung, sich aus 150 Metern in die Tiefe abzuseilen. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa